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Dienstag, 25. November 2014

Hoch-zeits-Torte und die Kardinaltugenden

Torte in Arbeit
Anlässlich einer Hochzeit, für deren Zustandekommen ich von Herzen gerne `die Daumen gedrückt´ hatte, versprach ich, ohne lange nachzudenken, eine Hochzeitstorte herzustellen. Es würde die erste in meinem Leben werden...


...eine Woche vor der Hochzeit begegnete mir (während einem Biografie-Wochenende)  Gedanken zu den vier Kardinaltugenden, die mich - als weisheitsvolle Ergänzung zur Liebe empfunden - so begeisterten, dass ich einen Entwurf für eine Hochzeitsrede schrieb, die in einem gleichnishaften Bild endete. Das dann die innere Vorlage für eine Motiv-Hoczeitstorte wurde...


Die o.g. Rede:
" Liebe .... (Braut) , du kommst aus einem großen und großartigem Land, hast in den mittleren Bergen des Himalaya und in der riesengroßen Hauptstadt Delhi viel und unterschiedliches gelernt. Doch wolltest du immer weiter lernen, deinen Horizont neu erweitern und zogst fast um die halbe Welt: nach X.-land.
Lieber .... (Bräutigam) , dorthin hatte es auch dich (und auch aus ähnlichen Gründen) gezogen: Horizont erweitern, entdecken und lernen was „zuhause“ (so) nicht erlern- und erfahrbar ist. Lernen, was über das bloße Wissen hinaus geht, über den Tellerrand des (Bücher- und Kopf-)Wissens schauen, über den Horizont der Welt des Wissens hinaus wachsen…
Das klingt auf den ersten Blick vielleicht etwas paradox. Aber wer nicht - wie einst Columbus - mutig und zugleich besonnen die „flache Scheibe“ der Welt des untätigen Wissens hinter sich lässt, wird nicht entdecken können, dass die Welt um mindestens eine Dimension runder ist. Columbus hat seinen Dimensionssprung gewagt. Nicht nur im Kopf und in seinen Träumen. Er wollte einen neuen Weg nach Indien finden und hat dabei der Menschheit die ganze Welt ent-deckt. Durch dieses aktiv gelebte Erweitern seines Horizontes hat er ja mehr entdeckt (und anderen zu entdecken geholfen) als ihm damals bewusst war.

Wenn zwei Menschen heiraten, sagen sie (auf Deutsch) „Wir trauen uns!“. Und so, wie Columbus sich traute aufzubrechen und die bekannte Welt - trotz aller Unkenrufe und Widerstände seiner Umgebung - zu verlassen (auch, um der Menschheit damit einen Dienst zu erweisen), so befindet sich, wer sich gemeinsam traut, auch am Beginn einer teils wunderbaren und teils abenteuerlichen Reise.
Manche sprechen vom „Hafen der Ehe“ indem sie angekommen seien. Und richten sich dann - z.B. vom gewohnten Land her in den Hafen kommend - wohnlich darin ein, statt sich in ihm auf eine große gemeinsame Reise vorzubereiten. Wer sich aber wirklich gemeinsam traut, kann es halten wie Columbus: In See stechen, sich gemeinsam in das Meer des Lebens wagen, sowohl Übermut als auch Feigheit wacker hinter sich lassend, immer wieder gemeinsam neue Horizonte des Lebens erobernd.
Schule und Uni machen ja oft den Eindruck, als ob dort (fast) alles fürs Leben zu lernen sei und man sich hinterher auf den Lorbeeren des dort Gelernten für den Rest des Lebens ausruhen könnte. Dabei geht das Lernen danach ja erst so richtig los!
Wenn ich sehe und erahne, wie viel ihr beide seit Schottland an neuen inneren und äußeren Perspektiven dazugewinnen konntet, wünsche ich euch mit wirklich begründeter Vorfreude auf euren wachsenden Weg ein reichhaltiges Lernen am realen Leben, ein gemeinsames Hinauswachsen über Wissenshorizonte, ein Hineinwachsen und Aufblühen in die Weisheit des Lebens! Und für das Gelingen all der kleinen und größeren Dimensionssprünge von der „Erdscheibe“ des Wissens in die sphärisch-runde Welt des Lebens wünsche ich euch für den jeweils rechten Augenblick ein mutiges und wacker-kraftvolles Herz, sozusagen ein Columbus-Herz das besonnen den Kurs zwischen polterndem Übermut und schleichender Feigheit ansteuern kann.
Und wie Columbus sich damals auf dem Weg ins Unbekannte am Sternenhimmel orientierte, mögen euch immer wieder klar leuchtende Aspekte der im Grunde alle Menschen umfassenden und jeden betreffenden Gerechtigkeit helfen das Schiff eurer Ehe durch Sonne, Wind und Wellen des Lebens zu steuern!
Zusätzlich zu den Winden und Strömungen des Lebens steht euch als Kraftzentrum und sonniger „Motor“ die schöpferisch-produktive, je und je neu zukunftseröffnende, -befruchtende Liebe zur Verfügung.

Zu einem Bild verdichtet, stellt sich mir ein Kompass für das Schiff eurer Ehe vors innere Auge:

Im Zentrum die Liebe. Umgeben von vier „Himmelsrichtungen“, von den vier Tugenden,
die sich schon für Platon als die wesentlichsten herausgestellt haben.
Lebensweisheit : das ewig belebende „Gespräch“ zwischen (neu-)Erkennen und Handeln.
Allumfassende Gerechtigkeit : Hochalten der Würde des anderen, der eigenen menschlichen Würde und der des Menschseins an sich.
Tapferkeit : Wacker den (nicht mittelmäßigen!) Mittelweg zwischen Tollkühnheit und Feigheit gehen.
Besonnenheit : Mit dem Augenmaß lebensvoller Mäßigung die goldene Mitte zwischen Ausschweifung und Askese finden. "


Schon im Laufe der Recherchen in Tortenforen ahnte ich, dass es nun erst mal an mir sei, diese vier Tugenden praktisch zu üben.
Nun, ich hatte mich `getraut´ und legte los. Die Gegebenheiten des tatsächlichen Lebens ließen mich immer wieder den nächsten Schritt neu überdenken. Und wenn eine nie von mir geübte Technik oder ein noch nie eingesetztes Material sich als Hürde erwies, ging es doch Schritt um Schritt wacker weiter: zugleich Besonnenheit anstrebend (das Augenmaß war - ob der mangelnden Erfahrung - nicht immer von Erfolg gekrönt).

3. Tag: Fondant ausrollen
Da die weiße Masse, die die Umhüllung und zugleich den Untergrund der Gestaltung abgeben sollte, nicht ganz ausreichte, nahm ich die rote hinzu und knetete erneut...

Beim erneuten Ausrollen entstand eine schöne "Marmorierung" die mir so gut gefiel, dass ich das Bild vom "Kompass" verwarf.

die untere `Etage´


zu diesem Ergebnis passte der Text nicht so ganz - aber um so mehr zu dem Weg, wie die Torte entstanden ist

Kurz vor dem Anschneiden der Torte fanden die beiden Neuvermälten so zu Herzen gehende Worte, dass ich gerne darauf verzichtete die Rede vorzulesen und zu erzählen, wie alles anders und doch genau richtig kam.

Donnerstag, 30. September 2010

"Lebenslauf" einer Rose

Gottes Sonne schenkt den grünen, oft unbeachteten, vielen nur langweilig erscheinenden Blättern neben den harten Dornen Licht und Wärme und Kraft...
....irgendwann werden die Blätter kleiner, verkümmern fast, richten sich gar nicht mehr der Sonne entgegen, bilden abgekapselten Innenraum....
....dieser bekommt aus den Blättern entlang des schmalen Dornenweges weiterhin Licht,Wärme und Kraft der Sonne...
.
...bis eines Tages da soooo viel drin ist, dass es einfach herausplatzen muss:
und es wird offenbar, wie der Dornenweg Licht und Wärme und Kraft
verwandelt hat in eine liebevolle Zartheit der Blätter, in eine Farbe,
die die Seele anrührt, in einen Duft der zu Herzen geht,
in eine Rosenblüte die auch allein einen ganzen Garten
zu schmücken vermag, wenn sie nicht mehr anders kann
als sich selbst mit den Gaben Gottes zu schmücken.... :-)
.
Da mögen gern die kommen, die nach Seiner Sonne tanzen um sich zu orientieren, und nun die Möglichkeit zur guten Frucht, zur guten Saat fleißig von Rose zu Rose, von Garten zu Garten tragen: viele kleine muntre Bienen.
.J.Matthias Hesse

Freitag, 29. Januar 2010

Das göttliche "Kindlein" im anderen


Zufällig erfuhr ich kürzlich aus der Erzählung einer 14 Jahre älteren Schwester, dass wir 1963 in Jesulo (nördlich von Venedig) waren. Dort erlebte ich was in die "Weihnachtsgedanken 2008" einfloss.

bei dem Ortsnamen `Jesulo´ musste ich wieder an untenstehenden Text von vor über einem Jahr denken und dachte: `wie passend zur Intention der Geschichte`

so hat sich nun von außen her biografisch gerundet (sicherlich nicht abgeschlossen) was etwa 12 Monate zuvor innerlich aufleuchtete:


Einst lag ein blondgelocktes Kindlein gebettet zwischen Himmel und Erde in einer Hängematte. Es badete mit Leib und Seele in der sommerlich warmen Luft und im mediterranen Licht der Sonne, im zarten Rauschen der fernen Strandungswellen, genoß mit jeder Faser seines Körpers den herzhaften Duft sonnenerwärmter Piniennadeln auf dem sandigen Boden und vermeinte tief-verträumt, das Zirpen der Grillen käme vielleicht aus Duft und Hitze. Denn es wusste noch nichts von den Grillen (der Menschen).
Plötzlich sah es sich von schwarzhaarigen Menschen mit braunen, vom Leben gezeichneten Gesichtern umgeben. Kaum dass sie das Kindlein erblickten, verschwand alle auf ihnen lastende Schwere des Alltages. Sie wurden hell und fröhlich, als sei in einem jeden von ihnen das eigene verborgene Kindlein erweckt worden.
Ihre reine Freude, die aus weiten Herzen strömte und ihre sehr lebendige Begeisterung teilten sie den beiden Eltern des Kindleins in Worten einer fremden Sprache mit.
Doch das Fremde, das sonst ja so leicht die Menschen voneinander zu trennen vermag, schmolz im sonnigen Licht der gemeinsamen Freude schnell und fast unmerklich dahin.
Das Kindlein aber freute sich, dass es durch sein bloßes so-Sein seinen lieben Eltern zu einer großen Freude verholfen hatte.

So wie damals jenen Italienern das kleine blonde Kind, so möge das Fest des Christ-Kindleins uns, die auch wir vom Leben gezeichnet sein dürfen, Freude bescheren! Auch Freude darob, dass Christus in unserem Herzen das Gefühl für unser eigenes himmlisches Kindlein zu wecken vermag.

Wie ich mich als dieses Kindlein gefühlt habe, das kann ich auch entdecken, wenn ich mich z.B. an kleinen Kindern freue, mich mit ihrer Hilfe erinnere, wie ich damals war. Oder z.B. wenn ich mich dann - so weit wie möglich zurückerinnere und mich frage: wie habe ich in dem damaligen Kleinkind-Sein mich selbst empfunden, mich, der ich all dieses wahr nahm?

Beides wurde mir zu Weihnachten 2008 geschenkt!

Zum erste mal in meinem Leben hatte ich ausdrücklich geplant Weihnachten mehr meditativ und aus diesem Grunde ganz allein zu feiern. Dass ich unversehens am 23. in die Weihnachtsfeier des Dorfes und anschließend in die Weihnachtsfeier in der Familie von Kristjan und Katri geriet, sah noch so danach aus, als ob sich günstig das Gemeinschaftliche von allein vor die Weihnachtszeit füge.

Kaum hatte ich am 24. meine Hausarbeit abgeschlossen, klopfte es aber an der Tür. L., die direkte Nachbarin, stand mit 2 Töchtern in der verschneiten Dunkelheit, wünschten mir gesegnete Weihnachten und überreichten mir kleine Geschenke. Zudem luden sie mich zu ihnen zum reichhaltigen Abendessen ein. Kaum 10 min. darauf traf ich in ihrer sehr einfachen, ärmlichen Behausung ein (4 Erwachsene und 5 Kinder wohnen in 3 kleinen Räumen und einer Küche, die nicht groß genug ist dass ein Esstisch für alle hineinpassen würde).

Nebst der stillen Herzlichkeit der Gastgeberin leuchteten vier Kleinkindaugen fast wie funkelnde Sterne – die äußere Ärmlichkeit bei weitem überstrahlend. D. ist 3 2/3 Jahre und E. wird am 30.12. 1 Jahr alt. Mit ein paar einfachen spielerischen Bewegungen ließen sie sich jauchzend vor Glück machen. Und der Kleinen offensichtliches Glücklichsein hob die allgemeine Stimmung und einte alle z. T. doch sehr unterschiedliche Menschen im Raum.

Durch die Beschäftigung mit der künstlerischen Biografie-Arbeit fiel mir am 25.12. meine wohl „jüngste“ Kindheitserinnerung wieder ein. Entgegen den Gepflogenheiten in der Biografiearbeit habe ich sie für diesen Sternpost-Brief nicht als reines Erlebnis aufgeschrieben sondern bewusst auf mein Weihnachtsthema hin ausgemalt. Auch die Skizze, mit der ich mich der Idee näherte, bevor ich sie in Worte fassen konnte, stellt zum Glück nicht die fotografische Wirklichkeit dar. Und ist vielleicht doch in gewissem Sinne der Wahrheit näher....


Wenn vom alten weisen Evangelisten Johannes überliefert ist, dass er täglich der Gemeinde mit Herzblut die Worte gab „Kindlein, liebet einander“, dann kann sich das für uns mit unseren heutigen Ohren entweder leicht kindisch oder auch leicht herablassend anhören.

Seit heute glaube ich mit innerlich jubelnd-lichter Klarheit, dass er meinte, dass das „Kindlein“ in uns (unser eigentlicher ewiger Wesenskern, unsere innerste Sonne) das „Kindlein“ im Menschenbruder erkennen und lieben möge. Notfalls auch durch alle äußere Ärmlichkeit und Unvollkommenheit hindurch. Aber wohl auch durch allen äußeren Erfolg, Glanz und Reichtum hindurch.

Und auf der Grundlage dieses Erkennens und Liebens des innersten und ewig Göttlichen im anderen durch eben selbiges in mir bekommen auch die Worte „Friede den Menschen die eines guten Willens sind“ eine tiefere Lebenswirklichkeit, eine tragende Lebenskraft!

Montag, 19. Oktober 2009

Anklage des eigenen Herzens (bei seelsorgerisch Tätigen)







Gut 21 Jahre nach dem mein Vater durch seinen Tod ging, entdecke ich
mir bis dahin unbekanntes aus seinem Leben.

Für eine Ansprache an seine Seelsorgerkollegen schrieb er (etwa Mitte/Ende der 1970er Jahre) ein Konzept das mir vor ein paar Tagen in die Hände fiel und mich sehr berührte:



"Im 3. Kapitel des 1. Johannesbriefes, in den Versen 18-21 steht zu lesen: " Lasset uns nicht Lieben mit Worten noch mit der Zunge, sondern mit der Tat und mit der Wahrheit!
Daran erkennen wir, daß wir aus der Wahrheit sind, und können unser Herz vor Ihm damit stillen, daß, wenn uns unser Herz verdammt, Gott größer ist als unser Herz.
Ihr Lieben, wenn uns unser Herz nicht verdammt, so haben wir Zuversicht zu Gott, und was wir bitten, werden wir von ihm nehmen. " Amen.

Liebe Schwestern und Brüder! "Wenn uns unser Herz verdammt." - das ist ein schlimmer Zustand.
Werden wir von einem anderen angeklagt, werden Vorwürfe gemacht, so ist das auch nicht gerade angenehm. Besonders wenn er im Recht ist. Aber damit werden wir, je nach dem Grad unserer Empfindlichkeit, mehr oder weniger schnell fertig. Da kann man sich verteidigen, kann erklären und entlastende Argumente bringen. Damit können wir umgehen und die Sache zieht vorbei, wie eine Regenwolke im Sommer.

Das alles ist aber viel schwieriger, wenn es unser eigenes Herz ist, das uns verklagt oder gar verdammt. Das geht nicht immer so schnell vorbei. Aus dieser dunklen Wolke entwickelt sich gern eine ausführliche, triste Regenzeit.

Was geht da in uns vor? Unser Herz verklagt und verurteilt uns. Wir können es auch "Gewissen" nennen, am Ausdruck liegt nicht viel. Wesentlich ist, daß wir uns dabei selbst gegenüber stehen, uns beobachten und beurteilen.

Für den Verfasser dieses Briefes ist das für den Christen ein normaler Zustand. Ein Zustand, den er für gefährlich hielt, sofern einer darin stecken bleibt.

Es sind also zwei Stimmen in uns. Die eine klagt an, die andere verteidigt. Wir sind dabei innerlich wie zerspalten.
Eine Stimme in uns sagt: Mit dir ist nicht viel los. Deine Schwächen schießen ins Kraut. Deine Liebe meint mehr dich selbst und weniger die anderen. Dein Einsatz ist dementsprechend dürftig.
Und wenn die andere Stimme uns verteidigt und einen Punkt der Anklage entkräftet, dann hat die erste Stimme gleich den nächsten Punkt bereit; vergleicht uns etwa mit Kollegen, die ganz andere Dinge schaffen.

Das kann so lange weitergehen, bis die erste Stimme, die uns verdammt, die Oberhand gewinnt. dann heißt es: Du hast restlos versagt! Du bist nichts wert! Und dann ist die Freude im Eimer. Traurigkeit und Niedergeschlagenheit beherrschen das Feld. Wir werden immer mutloser, denn nichts läuft mehr richtig. Immer schwieriger wird es mit den Kontakten mit anderen - die Isolation wächst.

Ist diese Situation uns wirklich fremd?

Ich wage die Vermutung, daß Menschen unseres Standes, betraut mit Aufgaben an Kranken und alten Menschen, für den Sieg der Anklage des eigenen Herzens recht anfällig sind.
Das hat mit Sicherheit mehrere Gründe.
Nur zwei seien angedeutet:
Das liegt wohl einmal an der Struktur unserer Arbeit - an der dauernden Überforderung durch eine viel zu große Anzahl von zu betreuenden Menschen.
Das liegt zum anderen an unserem Kirchen- und theologiegeschichtlichem Herkommen. Das Mittelalter hat auch etwas von Freude und Liebe gewußt. Aber die zitternde Furcht überwog. Die große Angst vor der ewigen Verdammnis war ständig präsent. Damals entstand das Buß-Sakrament. Bußpredigten und Selbstkasteiungen gab es die Menge. Und den Ablaß. Schwere dunkle Wolken lagen über der Christenheit des Abendlandes.
Die Reformation ist nur zu verstehen als Protestbewegung gegen diese Verkehrung der frohen christlichen Botschaft und Grundhaltung.

Es ist zu fragen wie weit die Reformation sich mit ihrem guten Anliegen in uns hat durchsetzen können. Allerdings auch danach, wo sie über ihr Ziel hinausgeschossen ist.

Liebe Schwestern und Brüder
Die meisten von uns, wohl alle, sind zu unserer Tagung gekommen um zu lernen. Um zu erfahren wie man hilfreicher umgehen und Kontakt aufnehmen kann mit schwerkranken, entmutigten Menschen.
Aber was nützt das beste Können und das eingeübteste Wissen eines Seelsorgers - solange dieser mühsam lebt unter dem Verdammungsurteil seines Herzens?
Da muss man immer wieder heraus! Aber wie?

Die Beichte und die Absolution können sehr hilfreich sein. Sie bleiben in ihrer Bedeutung unangetastet.
Doch hier wird uns eine andere Möglichkeit aufgetan: Wir hörten zunächst davon, daß zwei Stimmen in uns sind. die eine klagt an, die andere verteidigt. Aber viel wichtiger ist es, und damit ist der Apostel bei seinem Hauptanliegen - daß wir der verdammenden Stimme in uns nicht hoffnungslos ausgeliefert sind.

Da ist eine dritte Stimme, die in wirkungsvoller Weise vor Gott auf das Herz Einfluß nehmen kann.


Ich will versuchen sie durch ein Erlebnis näher an das, was hier gemeint ist, heranzuführen.

Vor 10 Tagen war ich im eigenen Wagen unterwegs nach Bonn im Streckenabschnitt vor Köln. Enge, alte Autobahn, ohne Standstreifen, starker Regen und starker Verkehr auf beiden Fahrspuren und abendliche Dunkelheit. Alle fuhren schnell und mit zu geringem Abstand.
Da flackert am Armaturenbrett ein rotes Warnsignal auf im Bereich Öldruck.

Schnell auf den nächsten Parkplatz. Motor abgestellt. Nichts Auffälliges ist auszumachen. Ich starte. Der Motor läuft normal durch. Aber das Warnsignal flackert wieder auf. Möglichst langsam rollen wir auf den nahen Rastplatz, zur Tankstelle. Der Tankwart prüft den Ölstand - alles okay. Auch sonst findet er nichts. Meint, ich könne ruhig weiterfahren.

Also heraus aus der Tankstelle, aber noch auf dem Rastplatz rumpelt es plötzlich im Wagen. Mein Beifahrer sagt: "Jetzt ist der Motor hin!"
Aber dem war nicht so, sondern der Schlauch in einem Reifen war kaputt und so gab es einen Platten. Also: Reifenwechsel. Und weiter!

Und dann die große Verwunderung. Denn das Warnsignal flackerte nicht mehr und hat sich seitdem nicht wieder gezeigt.

Nicht auszudenken was hätte geschehen können, wenn ich ungewarnt mit 120 Stundenkilometern in der Situation auf der Autobahn weitergefahren wäre!

Die Reifen sind an das Warnsystem nicht angeschlossen.

Mein Beifahrer hat das rote Licht auch genau gesehen, sonst würde ich denken können, ich hätte Halluzinationen gehabt.

Sie werden verstehen, daß ich in den folgenden Tagen dankbar und oft all den merkwürdigen Bewahrungen und wunderbaren Fügungen meines Lebens gedacht habe - bis zurück in Krieg und Gefangenschaft. Dabei wurde mir klar, daß ich bereits jahrelang über ein Hauptthema
meditiere. Genauer daß es in mir meditiert. - Meditiert über Gottes Liebe und deren Wirkungen im eigenen Leben.

-
Der Apostel Johannes sagt: "Daran erkennen wir, daß wir aus der Wahrheit sind und können unser Herz vor ihm damit stillen, daß, wenn uns unser Herz verdammt, Gott größer ist als unser Herz!"

Wir werden als solche angeredet, "die aus der Wahrheit sind".

Wir gehören also zu den Menschen, denen der Heilige Geist die Augen des Glaubens dafür öffnet, daß die Liebe Gottes in Jesus Christus uns erschienen ist - uns gilt - in Zeit und in Ewigkeit. Daß wir erhört und angenommen sind.

Das ist die gute, frohe Botschaft für alle. Aber dem Apostel ist damit noch zu wenig gesagt, daß Gott uns geliebt hat. Er geht einen Schritt weiter, wenn er im selben Brief schreibt "Gott ist Liebe".

Martin Luther hat das so gelesen: "Wollte einer Gott malen, er müßte einen Abgrund von Feuer malen - einen glühenden Backofen voll lauter Liebe."

Ich war in diesem Jahr oben auf dem Ätna in Sizilien, daher liegt mir grad nah Gott mit einem Berg voll glühender Liebe zu vergleichen. Aus diesem Berg, wenn ich kurz bei diesem Bilde verweilen darf - sprühen Funken, spritzen hinein in die Welt und auch in Dein und mein Leben.

Dieses persönliche Erleben kann uns das christliche Mysterium sehr viel näher aus dem Kopf an die Haut bringen. Daß wir dessen ganz froh und gewiß werden. Wir gehören auf die Seite des Siegers. - und damit das -oft angeschlagene und angeklagte- Herz stillen.
Daß wir immer wieder seelsorgerlich mit uns selbst reden, neues Vertrauen und Zuversicht in uns aufrichten.

So können wir mit Gottes Hilfe heraus finden aus dem gefährlichen Zustand der Selbstverdammung.

Und damit verändert sich die Lage. Eine stille Freude lässt die Traurigkeit schwinden. Das Selbstverständnis normalisiert sich. Die Isolation weicht zurück. Neue Kontakte werden möglich. Der Kreislauf der Liebe zwischen Gott, uns und dem Nächsten kann wieder fließen.
Amen.

Dieser Text war 2009 etwa 31 oder 33 Jahre alt. Er war eine handschriftliche Vorkonzeption. Ganz sicher hat mein Vater sie nicht wortwörtlich abgelesen sondern vor den Zuhörern aus dem Moment heraus den Inhalt freier gestaltet. In diesem Sinne hab ich mir erlaubt an ganz wenigen Stellen kleine Formulierungsverbesserungen einzuarbeiten ohne den Sinn seiner Gedanken zu verändern.
"

Montag, 27. Oktober 2008

Weisheit des Feuers?


Es ist doch immer wieder neu erstaunlich, wie man durch aktuell offene Fragen auf Dinge und Erscheinungen aufmerksam wird, die man ansonsten höchstens seinem Kurzzeitgedächtnis überlassen hätte...
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So kam ich heute dazu, durch die Gedanken zur Wärmequalität der Erkenntnisdynamik obiges Foto zu machen (mit dem ich keine Werbung machen möchte, da ich den Inhalt des im Schaufenster beworbenen Buches nicht ein mal entfernt kenne!).
.
Aber, so frug ich mich nach dem Lesen des Plakates, wie hängen Weisheit des Feuers und Wärme der Liebe im Erkennen zusammen (bzw. wie unterscheiden sie sich)?
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Darüber geh ich jetzt erst ein Mal schlafen....

Mittwoch, 22. Oktober 2008

Wurde 1850 die Wärme abgeschafft?

Ein fast leeres Blog hat den Charme eines neuen dicken Tagebuches, in das man erst einen einzigen Eintrag hineingeschrieben hat. Insbesondere, wenn schon mehrere Tage nach diesem ersten Eintrag vergangen sind...

...zum Glück liegt der Grund des Nichteintragens in dieses Blog nicht in Langeweile oder in mangelnden Erlebnissen oder Ideen. Bis heute habe ich so viel unterschiedliches und anregendes erlebt, dass ich theoretisch hätte jeden Tag mehrere Einträge schreiben können.


Heute ging ich aus dem Haus um kurz etwas aus dem Kofferraum meines Wagens zu holen. Mehr im Augenwinkel fielen mir Gang und Gestalt eines guten Bekannten auf. Ich schaute genauer hin: er war es und so verzichtete ich auf den Gang zum Auto.

Wir kamen, wie meist, in ein sehr tiefgehendes Gespräch. Nachdem ich ihm ein wenig von meinen neuesten Erlebnissen mit dem Fachbereich Thermodynamik berichtet hatte, kam heraus, dass er sich kürzlich mit der Frage beschäftigt hatte, ob und wie Nominalisten zum direkten geistigen Erfassen des Wesens einer tieferen Wirklichkeit kommen könnten.

Gestern hatte ich an der Uni Siegen gelernt, dass etwa Mitte des 19. Jahrhunderts die Wärme in der Wissenschaft abgeschafft wurde. Wie mir ein Professor etwas salopp formuliert sagte: Aus Frust darüber, dass Wärme sich nicht so, wie aufgrund des Energie-Erhaltungs-Gesetzes erwartet, verhalten habe.

Deutlich wurde in einer Vorlesung, dass es viel zu aufwendig erscheint die Wirklichkeit exakt zu beschreiben und man daher für eine wirtschaftlich effektive Nutzanwendung mit Modellen rechnet die nicht der Wirklichkeit entsprechen, die bestenfalls nur grobe Annäherungen sein können.

Wobei in der Naturwissenschaft leicht übersehen oder vergessen wird, dass selbst eine extrem komplizierte Formel zwar wirklichkeitsgemäßer, aber noch lange nicht die Wirklichkeit selbst wäre (hmm... wäre eventuell eine Formel-"Kunst" denkbar, mit deren Hilfe man rein geistige Wirklichkeiten erfassen könnte?).

Auch in der Biographie-Arbeit kann ich forschend vorgehen. Erlebnis um Erlebnis.

Aber kann ich in der Biografie-Arbeit der Wirklichkeit meines Lebens ganz nah kommen? Kann ich mein Leben, meinen Lebenslauf sozusagen "Haut an Haut" oder gar "ich ganz und gar in meinem Leben" begreifen, erfassen, erfahren? Und das vielleicht sogar so konkret, dass ich es in seinem weiteren Verlauf gegenwärtig gestalten kann, ohne es zu vergewaltigen oder beliebig zu werden?

Ein letztes Verständnis sei nicht möglich ohne Liebe, sagen große Geister (hier, wenn ich mich recht erinnere, war es Christian Morgenstern). Gilt das nicht auch für das Leben selbst? Wie aber kann ich ohne Wärme mein Leben erkennen?
.


Hoffentlich
schafft niemand
aus seinem Leben
die Wärme ab!

Es ist schon tragisch genug, dass es der all zu kühlen "Objektivität" der Naturwissenschaft passiert ist.

eine humorvoll bebilderte Homage an "Desiderata"