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Donnerstag, 29. Mai 2014

wie setzt "phänomenologisches Arbeiten" an?

"Die folgenden Worte Goethes bezeichnen in schöner Art den Ausgangspunkt eines der Wege, auf denen das Wesen des Menschen erkannt werden kann:
«Sobald der Mensch die Gegenstände um sich her gewahr wird, betrachtet er sie in bezug auf sich selbst; und mit Recht, denn es hängt sein ganzes Schicksal davon ab, ob sie ihm gefallen oder mißfallen, ob sie ihn anziehen oder abstoßen, ob sie ihm nützen oder schaden. Diese ganz natürliche Art, die Dinge anzusehen und zu beurteilen, scheint so leicht zu sein, als sie notwendig ist, und doch ist der Mensch dabei tausend Irrtümern ausgesetzt, die ihn oft beschämen und ihm das Leben verbittern. – Ein weit schwereres Tagewerk übernehmen diejenigen, deren lebhafter Trieb nach Kenntnis die Gegenstände der Natur an sich selbst und in ihren Verhältnissen untereinander zu beobachten strebt: denn sie vermissen bald den Maßstab, der ihnen zu Hilfe kam, wenn sie als Menschen die Dinge in bezug auf sich betrachten. Es fehlt ihnen der Maßstab des Gefallens und Mißfallens, des Anziehens und Abstoßens, des Nutzens und Schadens. Diesem sollen sie ganz entsagen, sie sollen als gleichgültige und gleichsam göttliche Wesen suchen und untersuchen, was ist, und nicht, was behagt. So soll den echten Botaniker weder die Schönheit noch die Nutzbarkeit der Pflanzen rühren, er soll ihre Bildung, ihr Verhältnis zu dem übrigen Pflanzenreiche untersuchen; und wie sie alle von der Sonne hervorgelockt und beschienen werden, so soll er mit einem gleichen ruhigen Blicke sie alle ansehen und übersehen und den Maßstab zu dieser Erkenntnis, die Data der Beurteilung nicht aus sich, sondern aus dem Kreise der Dinge nehmen, die er beobachtet.»

Auf dreierlei lenkt dieser von Goethe ausgesprochene Gedanke die Aufmerksamkeit des Menschen. Das erste sind die Gegenstände, von denen ihm durch die Tore seiner Sinne fortwährend Kunde zufließt, die er tastet, riecht, schmeckt, hört und sieht. Das zweite sind die Eindrücke, die sie auf ihn machen und die sich als sein Gefallen und Mißfallen, sein Begehren oder Verabscheuen dadurch kennzeichnen, daß er das eine sympathisch, das andere antipathisch, das eine nützlich, das andere schädlich findet. Und das dritte sind die Erkenntnisse, die er sich als «gleichsam göttliches Wesen» über die Gegenstände erwirbt; es sind die Geheimnisse des Wirkens und Daseins dieser Gegenstände, die sich ihm enthüllen.
Deutlich scheiden sich diese drei Gebiete im menschlichen Leben. Und der Mensch wird daher gewahr, daß er in einer dreifachen Art mit der Welt verwoben ist. – Die erste Art ist etwas, was er vorfindet, was er als eine gegebene Tatsache hinnimmt. Durch die zweite Art macht er die Welt zu seiner eigenen Angelegenheit, zu etwas, das eine Bedeutung für ihn hat. Die dritte Art betrachtet er als ein Ziel, zu dem er unaufhörlich hinstreben soll.
Warum erscheint dem Menschen die Welt in dieser dreifachen Art? Eine einfache Betrachtung kann das lehren: Ich gehe über eine mit Blumen bewachsene Wiese. Die Blumen künden mir ihre Farben durch mein Auge. Das ist die Tatsache, die ich als gegeben hinnehme. – Ich freue mich über die Farbenpracht. Dadurch mache ich die Tatsache zu meiner eigenen Angelegenheit. Ich verbinde durch meine Gefühle die Blumen mit meinem eigenen Dasein. Nach einem Jahre gehe ich wieder über dieselbe Wiese. Andere Blumen sind da. Neue Freude erwächst mir aus ihnen. Meine Freude vom Vorjahre wird als Erinnerung auftauchen. Sie ist in mir; der Gegenstand, der sie angefacht hat, ist vergangen. Aber die Blumen, die ich jetzt sehe, sind von derselben Art wie die vorjährigen; sie sind nach denselben Gesetzen gewachsen wie jene. Habe ich mich über diese Art, über diese Gesetze aufgeklärt, so finde ich sie in den diesjährigen Blumen so wieder, wie ich sie in den vorjährigen erkannt habe. Und ich werde vielleicht also nachsinnen: Die Blumen des Vorjahres sind vergangen; meine Freude an ihnen ist nur in meiner Erinnerung geblieben. Sie ist nur mit meinem Dasein verknüpft. Das aber, was ich im vorigen Jahre an den Blumen erkannt habe und dies Jahr wieder erkenne, das wird bleiben, solange solche Blumen wachsen. Das ist etwas, was sich mir geoffenbart hat, was aber von meinem Dasein nicht in gleicher Art abhängig ist wie meine Freude. Meine Gefühle der Freude bleiben in mir; die Gesetze, das Wesen der Blumen bleiben außerhalb meiner in der Welt.
So verbindet sich der Mensch immerwährend in dieser dreifachen Art mit den Dingen der Welt. Man lege zunächst nichts in diese Tatsache hinein, sondern fasse sie auf, wie sie sich darbietet. Es ergibt sich aus ihr, daß der Mensch drei Seiten in seinem Wesen hat. Dies und nichts anderes soll hier vorläufig mit den drei Worten Leib, Seele und Geist angedeutet werden. Wer irgendwelche vorgefaßten Meinungen oder gar Hypothesen mit diesen drei Worten verbindet, wird die folgenden Auseinandersetzungen notwendig mißverstehen müssen. Mit Leib ist hier dasjenige gemeint, wodurch sich dem Menschen die Dinge seiner Umwelt offenbaren, wie in obigem Beispiele die Blumen der Wiese. Mit dem Worte Seele soll auf das gedeutet werden, wodurch er die Dinge mit seinem eigenen Dasein verbindet, wodurch er Gefallen und Mißfallen, Lust und Unlust, Freude und Schmerz an ihnen empfindet. Als Geist ist das gemeint, was in ihm offenbar wird, wenn er, nach Goethes Ausdruck, die Dinge als «gleichsam göttliches Wesen» ansieht. – In diesem Sinne besteht der Mensch aus Leib, Seele und Geist."
(aus: Rudolf Steiner - Theosophie, "Das Wesen des Menschen", GA 9, Dornach 1961, S. 24f)

Donnerstag, 19. September 2013

Erlebnis am Bruch

Erste Verdichtung des Erlebten:
Plötzlich knackt es laut, 20m entfernt im nahen Bruchwald und nur kurz sehe ich im Halbdunkel hinter Busch und Baum einen großen, dunklen Tierkörper. Meine Vorstellung "gefährliche Wildsau!" lässt mich 5m zusätzlichen Abstand nehmen. Nun beobachte ich genauer, empfinde den ungewohnten Ausdruck der Tierlaute detailgetreu, sehe ganz kurz einen Teil seines Körpers, bin mir aber nicht sicher, ob es vieleicht etwas anderes war. Dann kurz ein Elchkopf mit Geweih. Meine Angst verfliegt und ich gehe näher heran um ihn hoffentlich deutlicher zu sehen. Da bahnt er sich mit lautem, hektischen Krachen seinen Fluchtweg in den Nachbarwald.

Die zuvor aufgeschriebene, ungefilterte Erinnerung:
Im Garten, zwischen Lärche und Apfelbaum stehend, hörte ich im nahen Bruchwald ein sehr lautes Ästebrechen und vermeinte hinter den Büschen und unzähligen Stämmen und Ästen ein dickes dunkles Tier kurz erahnt zuhaben. Ich stellte mir sofort eine Wildsau vor und nahm schnell Abstand vom Bruchwaldrand. Das Tier bewegte sich wieder und machte sonderbare Laute, die ich irgendwo zwischen Unken und Grunzen einordnen würde, ein wenig klagend-suchend im seelsichen Ausdruck. Kurz vermeinte ich nun einen Elchkörper gesehen zu haben. Bei näherem Hinsehen auf diese Stelle waren dann nur braune Äste im Halbdunkel zu entdecken. Nach einer Weile war dann kurz Elchkopf und  -geweih zu sehen. Es war der erste Elchbulle, den ich in Estland in freier Natur (und dazu noch auf meinem Grundstück) gesehen habe! Da es keine Wildsau war, ging ich langsam näher an den Waldrand heran. Doch jetzt bemerkte er mich und - viele Zweige und kleine Stämmchen brechend - bahnte er sich schnell seinen Fluchtweg ins angrenzende Waldgebiet.
In den letzen Tagen hatte ich mich über eigenartig aufgebissene Äpfel und nicht zu Wildschweinen oder Rehen passende Trittspuren in daneben liegenden Äpfeln gewundert. Auf Elche war ich nicht gekommen. Ob er demnächst meinen Komposthaufen mit den vielen aussortierten Äpfeln drin durchwühlen wird? Die Vögel werdens ihm danken.

Samstag, 24. Oktober 2009

Gunther Tietz. Wann ist irgendwann?

Liebgewordener Gunther,
„irgendwann zurück!“ steht auf deinem blauen Ordner. Ein Pappschnellhefter aus den 70er Jahren. Ein schnelles Manuskript, aber nicht von Pappe?

„Leseexemplar“
Arbeitstitel:
a u t h e n t i s c h
oder:
Was Leben ist.

Wann ist „irgendwann“? Nach 30 Jahren?
16 Jahre nach deinem irdischen Leben?
Ein Leben, das dir mehr war als ein Hobby!

„irgendwann zurück!“ – aber du gingst so schnell. Schnell voraus. Schneller als deine Worte, nein, die Schichten von Feinfühligkeiten bei mir ankommen. Denn nun erst fangen sie an in mir aufzublättern wie eine Knospe die gereift ist zum Auf-Blühen.

Beschwingt wie ein Blatt im Wind (Blütenblatt?) möchte ich dir vorlesen. Beschwingt vorlesen, wie du eurer damals verstorbenen Lehrerin in deinem Zimmer vorgelesen haben magst. Beschwingt lesend in meiner stillen Kammer. Dem Rhythmus auch lauschend meiner Herz-Kammern.

Verstorbener Lehrer? Was konnte dein Lachen meinem Herzen lehren? Dein einzigartiges lachen, das aus einem zarten Blätterteig unzähliger Feinfühligkeitsschichten besteht (ja, du lachst, lachst immer noch und dein Lachen ist eingeschrieben, mir hinter die Ohren). Von welchen Sternen kündete die sich in deinem Lachen überschwenglich verschenkende Flut klar und zugleich zart funkelnd-leuchtender Sternschnuppen, die es selbst in einem mitternachtsdunklem Gemüt mit einem mal morgensternhell werden lassen konnten?

„irgendwann zurück!“ – Nun erst sickert langsam ein lebendiger Geist dessen, was toter Schreibmaschinenbuchstabe mir damals geben sollte.

Hab ich damals überhaupt alle Buchstaben gelesen? Heute kommt mir nur einiges wiedererkannt vor. Die fliegende Mary. Und: „Biographie“.

„Für Matthias.“ So fängt dein Inseltagebuch an: „Meine Einsamkeit“.
Darum wohl gabst du es mir mit nach Hause. Ich ahne nur zart, dass ich es las.
Warum du es für mir gewidmet hattest steht im Manuskript, war aber dann doch für eine eventuelle Veröffentlichung nicht vorgesehen.

„Meine Einsamkeit“. So könnte ich meine Gegenwart betiteln. Wird sie zum „irgendwann“ auf einem „Insel“-Ort, dessen Umraumgebärde ich damals in einer Deutschklausur (Thema: Goethes Faust, 2. Teil) in einem inneren Bild empfand ?

Wie sehr hab ich mich damals über Post, über etwas schriftliches von dir gefreut! Egal ob du in Kassel oder weit weg warst.

Bist du nun beides gleichzeitig? Freust dich mit mir am Schreiben?

Die Freude am Schreiben.
1978 fing sie bei mir an. Oft zaghaft und doch auch: nicht zu stoppen. Zu bremsen schon. Gebremst etwas, als einer auftaucht, der das so viel besser kann. Aber meine Liebe zum Wort wuchs u.a. auch an den Strahlen deiner Sonne. Langsam. Olivenbaummäßig? „irgendwann“. Zu dir zurück.

Nun sitze ich, dem Himmel näher als damals, und lese und schreibe. Streich(el)t unmerklich dein Zuhören das meine? Beschwingen von innen her deine Feinfühligkeitsschichten sternschnuppenlicht-zart mein tastendes Schreiben?

„irgendwann zurück!“. Wohin zurück steht dort nicht. In die Vergangenheit zurück? In die Zukunft zurück? In welchem der Himmel schwingt deine Zukunft? H.IV (5. Himmel) da du durch HIV so früh himmels-flügge wurdest?

Jesus war kaum älter, als er sich am Kreuz seiner Zeit für die Menschen hingab.

Schmetterling des jenseits – wer verteidigt dich?

Nur wenig Kokon hat dein Geschriebenes hinterlassen. Aber: authentisch gesponnener faden. Seidenhülle eines „komplizierten Lachens“, das vieles so scheinbar einfach zu machen vermochte. Dein lachen: einmalig. Und unvergesslich. Das Titschen eines geschickt geworfenen Steines auf der Oberfläche der Wasser war darin ebenso wie die Stille des Tiefen Wassers, die kein Wässerchen trüben kann. Und: Spannung. Ein großer Spannungsbogen zwischen selbigen Gegensätzen. In kleine Lichtfunken hinein-portioniert. „Hier und Jetzt!“ Und zugleich wie aus einer anderen, insgeheim gekannten Welt, wie kleine tropische Früchte aus einer ganz anderen Zeit.

Anders als dein Lachen: aber aus einer anderen zeit kommst du mir jetzt auch entgegen.
Wie viele Leben hab ich gelebt? In den letzten 28 Jahren? Drei oder vier?

Entgegen kommst du mir jetzt durch andere Menschen. Per Internet. Zwei derer, die dich dort suchten und mehr Glück hatten, als der Mann, dem Mary ein zweites Leben geschenkt hatte.

Drei haben sich gefunden. Virtuell, noch etwas jenseits der Realität. Das Grab deines irdischen Körpers wartet wohl schon länger auf Besuch. Vielleicht treffen wir uns eines Tages zu dritt.

Und: Gedenk mal. Statt Grab mal. Für die, die im Internet nachgraben: g.t. !
Eine virtuelle Gedenk-mal-Seite. Wie man das heute so macht. Vielleicht eine Spur anders. Leider noch weiter weg vom Himmel als ein Friedhof. Oder näher dran: am Puls der Zeit, am Herz derer, die nach g.t. graben.

Schwingt mein Herz sich auf, schwingt es sich um so näher heran an die Himmel, an deine Herzschwünge?

Aus welch unirdischen Blüten nippt ein Schmetterling des jenseits köstlichen, feinsten Nektar?

„Verteidigung der Schmetterlinge“.
Schmetterlings-licht entschlüpftest du vor sechzehn Jahren dem kokon.
Wer hat dich verteidigt?

Sicherlich Christine Brückner . Sie schrieb an dich.

Nein, ich möchte nicht deinen Kokon verteidigen.
Aber wie dich, du im "irgendwann", unterwegs zum "nirgendwann"?

Schreiben? ...mit viel Raum zwischen den Zeilen. Auch Zeitraum. Jede Formulierung ein Kokon. Wer erkennt den Schmetterling, der entflatterte, wieder?

Der, der mit den Schmetterlingen tanzt?

Lachen. Leben. Tod. Und : Schreiben!
Deine großen Themen. Menschen. Und: die Liebe.

eine humorvoll bebilderte Homage an "Desiderata"